Die zweite Nacht der offenen Kirche liegt hinter uns, und wieder war es ein beeindruckendes Ereignis, welches eine bunte Mischung von Akteuren und Besuchern vereinte.
Schon im Vorfeld war eine große Begeisterung und Vorfreude zu verspüren. War zunächst nur eine "kleine" Nacht der offenen Kirche geplant, da die Mitarbeitenden und der Kirchengemeinderat in diesem Jahr unter anderem durch die umfangreichen Veranstaltungen zur 900-Jahr-Feier Stafforts sowie durch die Vorbereitungen zur Kirchenrenovierung stark eingespannt waren - so konnte schon kurz nach Bekanntmachung des Ereignisses von "klein" keine Rede mehr sein. In Windeseile war die Liste der Mitwirkenden gefüllt und es war schnell klar, dass die Messlatte, welche durch die erste Nacht der of-fenen Kirche in Staffort im Jahr 2008 auf sehr hohes Niveau gehängt worden war, auch in diesem Jahr nicht unterboten werden würde. Wiederum versprach das Programm eine Vielfalt von geistigen und kulinarischen Genüssen.
Begonnen wurde der Abend um 18 Uhr mit dem Gottesdienst zum Reformationstag.
Wie sonst nur zur Konfirmation und an Heiligabend, war die Kirche nahezu voll besetzt. In der abendlichen Dunkelheit wurde das Kircheninnere erleuchtet durch ein stimmungsvolles Lichtermeer rings um den Altar und lange Reihen von Kerzen, die sich rechts und links durch das ganze Kirchenschiff zogen.
Der Gottesdienst stand unter dem Motto: "Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus." (1. Korinther 3, 11)
Fragt man heutzutage in Schüler- und auch Konfirmandenkreisen, was der 31. Oktober für ein Tag ist, so bekommt man mit großer Wahrscheinlichkeit die Antwort "Halloween" zu hören. Für die evangelische Kirche ist dieser Tag jedoch nach wie vor der Reformationstag. Im Gedenken an die Reformation begehen die evangelischen Christen am Vortag zu Allerheiligen den Reformationstag, an welchem im Jahr 1517 Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche geschlagen hat. Luthers Kritik an der Buß- und Ablasspraxis der damaligen Kirchenfürsten brachte die Kirche in Aufruhr und markiert den Beginn der Reformation, welche die bestehende Kirche erneuern und zum geistigen Ursprung der neu-testamentlichen Botschaft zurückführen sollte. Ein zentrales reformatorisches Anliegen war dabei die Besinnung auf das unverfälschte Wort der Bibel in der Landessprache. Was Luther nie wollte, nahm jedoch dadurch seinen Lauf: Aus der einen allgemeinen Kirche wurden zwei christliche Konfessionen.
In meditativer Rückschau las und interpretierte Pfarrer Bernhard Wie-landt Passagen aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer, mit denen Martin Luther zu seinen biblisch begründeten Überzeugungen gelangt war (Römer 3, 21-28). Dabei versicherte Pfarrer Wielandt ausdrücklich seine Dankbarkeit, dass er dies unter dem Einfluss guter ökumenischer Kontakte mit den katholischen Glaubensgeschwistern tun könne, welche an diesem Abend reichlich unter den Gästen begrüßt werden konnten. So hatten sich, einem lang gehegten Anliegen entsprechend, die beiden Chorleiter Patrick Wippel vom Kirchenchor der katholischen Gemeinde St. Bartholomäus in Büchenau und Wilhelm Stober vom evangelischen Kirchenchor Staffort zusammengetan, um mit einem imposanten und stimmgewaltigen sechzigköpfigen Chor zur Gestaltung des Gottesdienstes beizutragen. Zwei Choräle sowie zwei Messstücke von Charles François Gounod bildeten den würdevollen musikalischen Auftakt des Abends. Neun junge Sängerinnen und Sänger vom Kinderchor "Kiddy-Kids", unter der Leitung von Iris Wielandt und begleitet von Margarita Rempel am Keyboard, begeisterten mit ei-nem "Lied der Freude über Gott" sowie dem schwungvoll vorgetra-genen und teilweise solistisch besetzten Lied "Gottes Haus hat viele Steine". Nach dem Glaubensbekenntnis hätte man dann eine Stecknadel fallen hören können, als Marie-Elise Barié, anrührend begleitet von Mirjam Wielandt an der Geige, von "einer Hand voll Erde" sang.
Der evangelische Posaunenchor un-ter der Leitung von Jochen Gamer, sowie Alexander Hauth an der Or-gel rundeten den musikalisch reich ausgestalteten Gottesdienst ab.
Nach dem Gottesdienst wurde den Besuchern im Seitenschiff der Kir-che ein reichhaltiges kaltes Buffet angeboten. Süße und herzhafte Köstlichkeiten waren von vielen fleißigen Händen vorbereitet und in die Kirche gebracht worden, damit man sich zwischen den musikali-schen Beiträgen stärken und erfri-schen konnte. Den Spenderinnen und Spendern sei an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön gesagt! Durch die Vielzahl der Beiträge, welche den Gottesdienst bereichert hatten, war jedoch bereits nach dem ersten Programmpunkt abzusehen, dass der Abend länger werden wür-de als geplant. Es war ursprünglich beabsichtigt, die einzelnen Pro-grammpunkte auf ca. 40 min zu be-grenzen, um den Besuchern zwischen den akustischen Lecker-bissen noch ausreichend Zeit zu ge-ben, um aufzustehen, sich die Beine zu vertreten, kleine Gespräche zu führen und sich am Buffet an den kulinarischen Leckereien zu bedie-nen - aber das Feuerwerk der musi-kalischen Genüsse brannte derart bunt und mannigfaltig, dass wohl fast jeder Zuhörer im Raum die Verzögerung des Programmablaufs gerne in Kauf nahm. Dennoch ein großer Dank an die Besucher und Mitwirkenden für ihr Verständnis und ihre Geduld.
Ein ganz besonderer Dank geht an die Landfrauen, die nicht nur wieder einmal ihr Domizil als Anlaufstelle und Sammelpunkt für die Gaumenfreuden zur Verfügung stellten und selbst an der logistischen und organisatorischen Arbeit maßgeblich be-teiligt waren. Ihre außerordentliche Gastfreundschaft half uns auch aus einer Notlage heraus, in welche uns die Verspätung des Programmes gebracht hatte, indem sie spontan die 35 Männer der MGV Büchenau beherbergten und verköstigten, welche fast eine Stunde auf den Beginn ihres Konzertes warten mussten.
Vor jeweils gut gefüllten Kirchenbänken ging die Nacht der offenen Kirche weiter mit einem abwechslungsreichen Programm, dessen Kontraste den besonderen Reiz der Kirchennacht ausmachten. Den einzelnen Programmpunkten, welche sich ursprünglich zur vollen Stunde hätten abwechseln sollen, stellte Pfarrer Wielandt die Strophen des bekannten Nachtwächterliedes vor-an, welches der Feder des vor 250 Jahren im Wiesental bei Lörrach geborenen badischen Mundartdichters Johann Peter Hebel entstammt. In Anerkennung von Hebels Lebensleistung als Theologe, Lehrer, Poet und Publizist hat ihm die Badische Landeskirche 2010 ein kleines Jubiläumsjahr gewidmet.
Gesangsschülerinnen und -schüler von Jaqueline Petry aus Weingarten boten eine bunte Mischung solistischer Darbietungen aus der Welt der Oper und Operette, der Schlager oder aus großen geistlichen Werken. Neben dem "kleinen Sandmann" oder dem "Vogelfänger" brillierten die Sänger im Alter von zwölf bis 48 Jahren auch gemeinsam. Außerdem war in zwei Duetten die Lehrerin mit einer Schülerin zu hören: mit Alexandra Zoner in "Ein Herbstlied" und mit Gina Metz im Blumenduett aus Lakme. Hielt sich Jaqueline Petry bei den Duetten noch gewollt zurück, so erklang ihr voluminöser Sopran in ihren Einzeldarbietungen, wie bei "O mio bambino caro", um-so strahlender. Hervorragend von Ralf Kaufmann am Keyboard begleitet, sang der ausgebildete Tenor Thomas Schäfer kunstvoll das "In Ingemisco" aus Verdis Requiem. Der Moderator und Gitarrist Gisbert Hagmaier verstand es, unterhaltend durch die Stücke zu führen und run-dete damit die Darbietungen ge-konnt ab.
Wer kennt heute die hierzulande eher ungewöhnlichen Instrumente, die während der Pause im Altarraum aufgebaut wurden? Ein Blick auf das Programm gab Aufschluss: Hier bereitete sich die Zithergruppe "Badner Madeln" aus Büchenau auf ihren Beitrag vor. Die Zither kennen viele eher nur dem Namen nach von alten Choraltexten und Psalmen und vielleicht noch von alpenländischer Volksmusik. Daher waren die ungewohnten Klänge, die das Kirchenschiff durchdrangen, von großer Faszination. Wo König David zur Begleitung seiner Psalmen nur acht Saiten zur Verfügung hatte, da konnten die "Badner Madeln" unter der Leitung von Erika Klein auf eine fast schon unübersichtliche Fülle an Saiten zurückgreifen, um das Publikum mit ihren beliebten volkstümlichen Me-lodien zu verzaubern. Das alte Liedgut verleitete so manchen Zuhörer zu spontanem Mitsummen, so dass der Kirchenraum immer wieder von eindrucksvollem Summen und leisem Gesang durchzogen wurde.
Die humorvolle "Saite" der Zuhörer brachte die Friedrichstaler "Grande Dame" Else Gorenflo zum Schwingen, die eine kleine Auswahl ihrer badischen Mundartgedichte und -erzählungen vortrug. Mit ihren warmherzigen Geschichten weckte sie so manche Erinnerung an "die gute alte Zeit" - mal heiter und mit hintergründigem Humor, mal nachdenklich und besinnlich, aber immer mit dem ihr eigenen, charakteristischen Augenzwinkern.
Das thematisch aufeinander abgestimmte Programm von Liedern und Texten bot eine Fülle von stimmungsvollen Momenten, die gewiss keinen Besucher unberührt ließen.
Während die vielen brennenden Kerzen im Kirchenraum sehr genau im Auge behalten werden mussten, entflammte die Gesangsdarbietung des Männergesangvereins Büchenau die Zuhörerschaft durch Klänge und Harmonien. Unter der musikalischen Leitung von Peter Ribnitzky gab der Männerchor eine eindrucksvolle Kostprobe seines umfangreichen Repertoires. Das geschmackvoll zusammengestellte Programm reichte von altenglischem Kanon über Spirituals und Gospels bis hin zu moderner geistlicher Musik; vom zeitgenössischen deutschen Komponisten Jens Röth über den italienischen Komponisten Luigi Cherubini bis hin zu Franz Schubert.
Passend abgestimmte Lesungen bereicherten die musikalischen Darbietungen. So wurde der Zuhörer eingestimmt von den Herbst-Gedichten Christian Friedrich Hebbels und Rainer Maria Rilkes, erstaunt von einer nachdenklich machenden Geschichte über das Licht, bezaubert von Friedrich Rückerts "Abendstille" und schließlich mit dem "Abendlied" von Heinz Erhardt mit einem Schmunzeln in die restliche Nacht entlassen.
Das Bläserensemble "Junges Blech Bergheim", musikalisch und organisatorisch geleitet von Monika Bießecker-Ernst, erfüllte mit seinem klaren und wohltönenden Klang den Kirchenraum zu nächtlicher Stunde. Das Programm aus dem geistlichen Liedgut afroamerikanischer Chris-ten begeisterte mit vertrauten Spiri-tuals und Gospels sowie weniger bekannten, dafür umso mitreißenderen musikalischen Kleinoden.
Um die Musik der Gospels und Spi-rituals mit ihren tiefgründigen Tex-ten besser zu verstehen, muss sie im Kontext der Unterdrückung der af-roamerikanischen Bevölkerung be-trachtet werden. So ist diese Musik immer auch eine politische Bot-schaft, tief geprägt von der Sehn-sucht nach Frieden, Freiheit und Gleichberechtigung. Kein anderer hat den Kampf nach diesen Werten so maßgeblich geprägt wie der Frie-densnobelpreisträger Martin Luther King, in dessen gewaltlosen Kampf im Süden Amerikas Pfarrer Wie-landts Lesung einen kleinen Ein-blick gab. Vor diesem Hintergrund konnte die befreiende Kraft und der Stolz der vom "Jungen Blech" prä-sentierten Spirituals und Gopsels noch eindrücklicher nachempfunden werden.
Den Ausklang des stimmungsvollen und von einer Vielzahl unterschied-lichster Eindrücke geprägten Abends bildete auch in diesem Jahr der "Liturgische Tagesausklang" des Projektchores mit der Komplet - der gesungenen Liturgie des mönchischen Nachtgebets unter der Leitung von Bernhard und Iris Wielandt. Damit sollte ein Ab-schluss gesetzt werden, der zurück zur Ruhe und inneren Sammlung führt.
In die Stille und Dunkelheit der nächtlichen Kirche hinein wurde unterhalb der Empore das mehr-stimmige "Laudate omnes gentes" angestimmt. Dann zog der 13-köpfige Chor in die Kirche ein, ver-beugte sich vor dem Altar und nahm im Chorraum Aufstellung. Mit Iris und Bernhard Wielandt als Kantorin und Liturg konnte die Komplet ih-ren beruhigenden, meditativen Cha-rakter entwickeln und nach dem ereignisreichen Abend nun der Stil-le Raum geben.
Der zwölfte Glockenschlag war schon lange verklungen, als auch der letzte Programmpunkt des A-bends beendet war. Angefüllt mit vielen Eindrücken dieser ereignis-reichen Nacht der offenen Kirche und mit dem Nachtgebet zur Ruhe gekommen, verließen gegen 1 Uhr nachts die letzten Besucher und Ak-teure die nächtliche Kirche. Und schmunzelnd versicherte man sich allenthalben, dass man ja eigentlich nur zum Gottesdienst habe kommen wollen und dann mal sehen wollte, was sonst noch so angeboten würde - aber gewiss hätte man nicht vor gehabt, stundenlang in der Kirche sitzen zu bleiben. Dass letztendlich dann doch fast 7 Stunden daraus geworden sind, weil man sich nicht hatte losreißen können, das war so nicht geplant gewesen.
Einige ganz Unerschrockene trotzten auch danach noch dem "Nachtkrabb", räumten in Win-deseile die Kirche auf und beseitig-ten mitten in der Nacht sämtliche Spuren des langen Abends. Noch-mals ein riesengroßes Lob der auf-opfernden Helferschar - ihr wart großartig!!
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