"Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht;
denn ohne mich könnt ihr nichts tun."
(Johannes 15, 5)

Der letzte Selbstvergleich Jesu im Johannesevangelium hat es in sich! Diese Aussage Jesu ist nicht in der Auseinandersetzung mit den Feinden getroffen. Sondern sie setzt ihn in Beziehung zum menschlichen Gegenüber, zur Schar der Gläubigen, die aus ihm heraus leben. Sie fasst die bleibende Verbindung zwischen dem Messias Gottes, dessen Weg ans Kreuz klar vorgezeichnet ist, und seinem Volk. Diese innige Gemeinschaft ist jedoch linear: Der Stamm kann mit seinen Blättern auch ohne Früchte leben. Doch was wären die Früchte ohne ihren Stamm? In den meisten Kulturen der Menschheit spielen und spielten Bäume eine große Rolle. Sie symbolisieren eigene Stärke und Beständigkeit. Sie sind verletzbar, treiben aber selbst aus kahlen Stümpfen immer wieder neu aus. Ihre vielfältigen Früchte bieten Nahrung, die hohen Stämme Schutz und Deckung. Das Holz der Bäume nutzt der Mensch seit tausenden von Jahren als Werkzeug und Baumaterial. Das Wurzelwerk eines Baumes bindet Wasser und schützt damit den Lebensraum um ihn herum. Viele Tiere und Pflanzen nutzen sein Umfeld.

An den Bäumen erkennen wir die Jahreszeit: Knospen im Frühjahr, frisches Grün der Blätter im Sommer, im Herbst kräftige bunte Farben und tanzende Blätter im Wind, dem das kahle Verharren im Winter folgt. Bäume sind Symbole des Lebens in Zyklen, des Werdens und Vergehens.
Paul Gerhard, dessen 400. Geburtstag wir dieses Jahr feiern, hat sich in einem seiner unbekannteren Gedichte dieser Bildsprache bedient:

Hier ist unser Hoffnung Port,
Schauet, welch ein schöner Ort,
Wie die Hügel, Berg und Tal
Seind gezieret überall!
Hier sind Bäume groß und klein,
Hier sind Reben voller Wein,
Hier steht als ein weiter See,
Gottes Segen aus der Höh'.
Auch ist hier ein edler Quell,
Seht, wie rein, wie klar und hell!
Der, wenn Kreuz und Unglück drückt,
Seel' und Geist mit Trost erquickt.
Wie manch liebes Engelein
Sitzt hier bei den Träubelein,
Gläubt gewiss und schließet draus:
Hier ist wahrlich Gottes Haus.
(aus: "Also treten wir nun an", Melodie: Nun komm der Heiden Heiland)

Schöpfungsgabe und Glaubensgeschenk verdichten sich im Bild des Weinstocks. Er ist neben dem Getreide wohl die älteste Kulturpflanze der Menschheit. Wer an Jesus selbst sich orientiert, wird in allen Lebenslagen Früchte ernten und selbst treiben dürfen. Aus dem Saft der Reben gewinnen wir noch heute das Sinnbild des Blutes Jesu Christi, der für uns alle Not bis in den Tod am Kreuz getragen hat. Der Wein des Abendmahls steht für den neuen Bund, den Jesus durch seine selbstlose Hingabe und durch den Sieg über die Macht des Todes aufgerichtet hat zum ewigen Heil aller, die an ihn Glauben und sich mit ihm verbunden wissen. Unser ganzes Leben ist von Gott umschlossen. Es ist unerheblich, ob wir selbst erst als sanfte Knospe oder bereits als voll ausgebildete Rebe am Weinstock Gottes hängen. Er will uns ausbilden und pflegen. Durch Jesus Christus erhält unser Glaube immer frische Nahrung. Wir dürfen wachsen in seiner Gnade.

Auf der Ältestenrüste im Sommer 2006 haben wir unsere Taufpraxis im Gemeindegottesdienst reflektiert. Dabei entstand die Idee, unsere neu getauften Gemeindemitglieder in geeigneter Form im Kirchenraum zu präsentieren. Wir wollten nach einer Möglichkeit der Darstellung suchen, entweder Namen oder auch Bilder der Täuflinge für eine gewisse Zeit im Gedächtnis der Gemeinde wach zu halten. Bald entwickelte sich diese Idee weiter, als uns klar wurde, wie anonym zum Beispiel auch kranke Gemeindemitglieder oft ihre Not zu tragen haben. Dabei ist es eine durch die Bibel aufgetragene Pflicht des Leibes Jesu Christi, für die Linderung von Not und Leid einzelner Schwestern und Brüder zu beten. Auch für diese Sensibilisierung könnte eine Präsentation derer, die das wünschen, hilfreich sein. Weitere Stationen im (Glaubens-)Leben könnten Hochzeiten und auch Konfirmationen in unserer Kirche sein. Die Fürbitte der Gemeinde, die solche Gottesdienste mit eher privatem Anlass überwiegend meidet, könnte so auch im Nachklang neue Nahrung finden. Auf der Suche nach einer geeigneten Form der Präsentation persönlicher Lebensstationen zwischen Geburt und Eingang in die Ewigkeit Gottes, stießen wir auf die Symbolkraft des Baumes, der in seinen unterschiedlichen jahreszeitlichen Ausprägungen in der Kunst immer schon als Beispiel für die unterschiedlichen Lebensphasen eines Menschen herangezogen wurde. Am dichtesten wird diese Betrachtungsweise im Bild des Weinstocks, der durch die Identifikation mit Jesus Christus zugleich zu einer Glaubensaussage wird. Die Art der Ausfertigung und der passende Ort in unserem Kirchenraum wurden eingehend diskutiert. Inzwischen ist das Werk vollendet. Dr. Heiner Joswig hat es in stundenlanger liebevoller Kleinarbeit gemalt. Im Namen der Kirchengemeinde möchte ich ihm und seiner Frau, die ihn in seiner Arbeit unterstützt und bestärkt hat, herzlich danken!

Feierlich wurden die beiden Bildtafeln (Frühjahr/Sommer und Herbst/Winter) mit dem Gottesdienst am Gründonnerstag eingeweiht. Dieses interessante Kunstwerk kann natürlich auch an allen anderen Gottesdiensten besichtigt werden.

Nehmen Sie bitte regen Anteil an den erfreulichen und auch tragischen Schicksalen in unserer Gemeinde! Wir bitten Sie, kranken und in Not befindlichen Menschen Mut zu machen, diese Art des gemeindlichen Miteinanders zu pflegen und sich vom Leib Christi und seinem Gebet tragen zu lassen. Das Aufstellen von Kerzen und Portraits (z.B. bei Verstorbenen) soll ebenso möglich sein, wie das Einhängen von Bildern und Symbolen. Ihrer und unserer Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt. Nutzen wir dieses Forum für die tätige Nächstenliebe untereinander, indem wir Gott und seiner Gemeinde dienen!